Wir haben 11 Gäste online
Vivaldis L'Olympiade
MUSIK
4. Olympischer Gesang
Von Oswald Beaujean
Zwei Jahre vor seinem Tod versicherte Antonio Vivaldi, er habe 94 Opern komponiert. Damit hat er vielleicht ein wenig hochgestapelt oder all seine "Pasteten" mitgezaehlt, jene Pasticcio-Opern, die er aus eigenen oder fremden Stuecken zusammenstellte. Doch ein halbes Hundert seiner Opern kennen wir dem Namen nach, und von immerhin gut 20 besitzen wir - dank eines Klosters im Piemont und der Turiner Nationalbibliothek - seit 1927 die Noten. Geholfen hat der sensationelle Fund nicht viel. Moeglicherweise war es gerade Vivaldis unbestrittener Ruf als grosser Instrumentalkomponist des italienischen Barock, der die adaequate Rezeption seines Opernschaffens verhinderte , auf der Buehne wie auf CD. Die Schallplattenindustrie zieht es vor, die Vier Jahreszeiten rund 94-mal im Katalog zu halten, Hunderte von Bearbeitungen gar nicht mitgezaehlt.
Gaebe es nicht einige wenige Musiker wie Jean-Claude Malgoire, Roberto Scimone, Richard Hickox oder Jordi Savall (mit seiner wunderbaren Einspielung von Il Farnace), wuessten wir kaum, wie eine komplette Vivaldi-Oper klingt. Dabei war die Karriere des roten Priesters fast drei Jahrzehnte lang weitgehend die eines Opernkomponisten. Vielleicht ist die 1734 in Venedig uraufgefuehrte L'Olympiade nach Metastasio nicht einmal Vivaldis staerkste Oper, wenn man sie etwa mit dem Meisterwerk Orlando vergleicht (zu hoeren auf einer 25 Jahre alten Aufnahme von Roberto Scimone). Das verworrene olympische Libretto - eine endlose Abfolge von Missverstaendnissen und Verwechslungen - und das leicht konventionelle Personal scheinen gelegentlich auf die Musik abgefaerbt zu haben. Dennoch ist Rinaldo Alessandrinis CD-Einspielung (Opus 111, OP30316) ein Ereignis und der bislang wohl wichtigste Teil der exzellenten neuen Vivaldi-Edition des kleinen Labels Opus 111. Dafuer sorgt allein das elektrisierende Spiel von Alessandrinis Orchester : hinreissend der virtuose Aplomb, geschmeidig und fantasievoll die Phrasierung, schier unendlich das Klangfarben-Spektrum dieses Spitzenensembles. So entdeckt man - nicht nur in den jagenden Figuren der Ouvertuere - Vivaldi als grossen Instrumentalkomponisten auch in seinen Opern. Und den Saengern bietet sich in L'Olympiade eine lange Kette schoener Arien und differenzierter Rezitative. Alessandrinis Ensemble singt ausgezeichnet: Wenn etwa Sara Mingardo mit ihrem phaenomenalen, warm-expressiven Kontra-Alt davon traeumt, dass die Liebe sich sanft und unmerklich in den Schlaf der Geliebten schleichen moege, dann ist das so traumverloren schoen gesungen (und komponiert), dass man den barocken Libretto-Wirrwarr gern vergisst.
Quelle: Zeit-Kulturmagazin.
http://www.zeit.de/feuilleton


Archiv
